Marie von Mallinckrodt und Kai Schächtele in Berlin: Von Panzerbauern, der Bild-Zeitung und mazedonischen Bloggern

Marie von Mallinckrodt (45. LR) arbeitet im ARD-Hauptstadtstudio, Kai Schächtele (35. LR) ist selbstständiger Journalist (www.kaischaechtele.de). Gemeinsam besuchten sie eine 12. Klasse der Rütli-Schule in Berlin.

Bei dem Wort „Panzerbauer“ werden auch die Jungs in der letzten Reihe hellhörig. Doch eigentlich ist es schon eine lebendige Debatte. Es sind die kleinen Details und die großen Fragen, die die Schülerinnen und Schüler der Rütli-Schule interessieren. Sie besuchen die 12. Klasse, Nachrichten finden die einen bei Facebook, Youtube und in der vorsortierten News-Auswahl ihrer Smartphones. Andere haben die App einer Zeitung oder eines Magazins auf dem Telefon, und einige lesen tatsächlich immer noch eine Tageszeitung.

Es geht um objektiven Nachrichtenjournalismus, den Wert und die Verantwortung der 4. Gewalt, die Aufgabe, ein Thema von möglichst allen Seiten zu betrachten. Wenn man also über Verteidigungspolitik berichtet, muss man sich neben den Parlamentariern, der Ministeriumsseite und der Bundeswehr eben auch mal die Seite der Industrie anhören. Kurz, es geht um einen in einer liberalen Demokratie ohnehin wichtigen Wert: dem anderen zuhören.

Richtig groß wird die Aufmerksamkeit bei der Geschichte aus der mazedonischen Stadt, die die amerikanische Wired recherchiert und die deutsche Wired in ihrer deutschen Ausgabe nachgedruckt hatte. Wegen der miserablen Jobaussichten in ihrer Heimatstadt Veles bauten Blogger im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ein Geschäft auf mit dem Kopieren gefälschter Nachrichten: Auf mindestens 100 registrierten Pro-Trump-Websites veröffentlichten sie zum Beispiel Meldungen über den – nie passierten – Tod eines FBI-Agenten, der in der vermeintlichen Kinderporno-Affäre von Hillary Clinton ermitteln sollte, und strichen Einnahmen über Google-Ads ein. Wie einfach es in der digitalen Welt ist, Nachrichten so wirken zu lassen, als kämen sie aus einer seriösen Quelle, ist für viele ein Augenöffner.

Und so entwickelt sich zum Ende eine lebendige Diskussion darüber, warum die Bild-Zeitung im Moment so viel Stimmung macht gegen Flüchtlinge und Migranten und ob man sie genauso der Lüge bezichtigen kann wie mazedonische Blogger. Und darüber, woran man im Netz eine seriöse Quelle erkennt. Dass es nicht reicht, etwas zu glauben, was eine gute Freundin auf Facebook gepostet hat, die es wiederum von ihrem besten Freund hat, der es von einer Nachbarin gehört hat, zeigt ein Video aus der Serie „so geht MEDIEN“, die in diesem Jahr zurecht für den Grimme Online Award nominiert ist.

Nach 90 Minuten, die viel zu schnell vergangen sind, sagt uns der Lehrer der Klasse: „Ich will sie jetzt aber nicht entlassen, ohne von Ihnen das Versprechen zu haben, Sie wieder kontaktieren zu dürfen.“ Das Versprechen haben wir ihm gern gegeben.

Der Medienspiegel zum Projekt #journalistenschule

Quer durch Deutschland haben Zeitungen, Sender und Online-Sites über das Projekt #journalistenschule berichtet. Eine Presseschau von Lena Puttfarcken. 

Henriette Löwisch (Schulleiterin DJS, 25. Lehrredaktion) sprach im Vorfeld mit der Süddeutschen Zeitung über das Projekt #journalistenschule:

„Wir wollen ein Gespräch in Gang setzen und die nächste Generation zum Nachdenken bringen. Darum reden einige Absolventen in ihren alten Schulen darüber, was Journalismus ist, worauf man sich verlassen kann und worauf nicht. Besonders an unserem Projekt ist die persönliche Ebene. Die Alumni diskutieren dort, wo sie früher selbst die Schulbank gedrückt haben. Wir glauben, dass wir das Vertrauen in den Journalismus mit direktem Kontakt wieder stärken können.“

Aud Krubert (42. Lehrredaktion) und Lan-Na Grosse (51. Lehrredaktion) besuchten das Gymnasium in Templin. Der Nordkurier hat darüber berichtet und zieht ein Fazit: „Der Medienspiegel zum Projekt #journalistenschule“ weiterlesen

Claudia Deeg in Hessen: Schüler wollen mehr Jugendthemen

Claudia Deeg (34. Lehrredaktion) ist heute Journalistin beim SWR. Am Tag der Pressefreiheit war sie an der Gerhart-Hauptmann-Schule in Wiesbaden. Ihre Erfahrung:  Medien müssen junge Menschen besser ansprechen.

Manche Sachen ändern sich nie. Das Gewusel und Gequatsche frühmorgens vor und im Schulgebäude hört sich an wie früher, als die Gerhart-Hauptmann-Schule in Wiesbaden noch keine Realschule, sondern ein Gymnasium war. Im Computerraum dann Stille, Aufmerksamkeit.

Meine Frage: „Wie informiert Ihr Euch?“ ist von den insgesamt 65 Schülerinnen und Schülern, die mir in den jeweiligen Doppelstunden mit der 10E, der 10A und einer 9. Klasse gegenüber sitzen, kurz beantwortet: „Instagram, Snapchat, Youtube, Facebook“. Wenn die Jugendlichen für die Schule recherchieren, googlen sie und landen auch mal auf Seiten deutscher TV-Sender oder Zeitungen.

„Guckt Ihr zu Hause Fernsehnachrichten?“ „Claudia Deeg in Hessen: Schüler wollen mehr Jugendthemen“ weiterlesen

Die Pressefreiheit und die DJS

Henriette Löwisch ist die aktuelle Leiterin der Deutschen Journalistenschule (DJS), davor war sie als Korrespondentin und Journalismusdozentin in der USA. Mercedes Riederer, frischpensionierte Chefredakteurin des BR Hörfunks, stand von 1985 bis 2002 an der Spitze der DJS und ist derzeit Vorsitzende des DJS-Förderkreises, in dem fast 1.500 Absolventinnen und Absolventen zusammengeschlossen sind. Beide haben im In- und Ausland erfahren, was es heißt, wenn die Pressefreiheit bedroht ist – Anlass für ein Gespräch zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai 2018.

Frau Löwisch, Pressefreiheit – was heißt das für Sie?

Henriette Löwisch: In der Demokratie soll jeder Mensch erfahren können, was er oder sie erfahren muss. Und das bedeutet, dass Journalisten keinerlei Beschränkungen in ihrer Arbeit unterliegen dürfen. Ich habe ja zuletzt acht Jahre in den USA gearbeitet, also in dem Land, das für sich in Anspruch nimmt, die Pressefreiheit erfunden zu haben. Und dort bedeutet Pressefreiheit praktisch keine formale Beschränkung für Journalisten. Wie sie agieren, was sie schreiben, was sie berichten, wie sie interviewen – das ist alles sehr frei. Es gibt zum Beispiel in den USA keine Autorisierung von Interviews, auf der Straße darf jederzeit gefilmt und fotografiert werden. Diese Freiheit birgt für mich als Leserin oder Zuschauerin ein enormes Potenzial.

Frau Riederer, haben Sie persönlich erfahren, was es wirklich heißt, Pressefreiheit zu genießen – beziehungsweise eingeschränkt zu sein in der Pressefreiheit?

Mercedes Riederer: Also, ich bin jeden Tag dafür dankbar, dass es bei uns Pressefreiheit gibt. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich ein Nachkriegskind bin und dass in meiner Kindheit und Jugend das Dritte Reich noch sehr spürbar und greifbar war. So habe ich schon von meinen Eltern, die jeden Tag zwei Tageszeitungen gelesen haben, mitbekommen, wie wichtig ein freier Informationszugang ist. Damit Pressefreiheit geschützt und lebendig ist, muss es eine vom Staat unabhängige Presse geben. Als junge Journalistin habe ich mich dann in der Organisation „Journalisten helfen Journalisten“ engagiert, und da habe ich schon sehr früh erfahren, wie eingeschränkt die Pressefreiheit in anderen Ländern sein kann, wie gefährdet das Leben von Journalisten ist, wenn sie frei recherchieren wollen. Oder nehmen wir aktuell die Slowakei, wo gerade ein junger Journalist vermutlich deshalb erschossen wurde, weil er investigativ über Korruption recherchiert hat. Die Einschränkung von Pressefreiheit ist sehr nahe – auch wenn wir sie Gott sei Dank in diesem Land nicht erleben, selbst wenn mancher Journalist sich mal unter Druck fühlt. Aber das ist noch keine Einschränkung von Pressefreiheit.

Sie haben, Frau Löwisch, bis vor kurzem in den USA gearbeitet und haben ja gerade darauf verwiesen, dass die rechtliche Spielwiese dort vielleicht sogar noch breiter ist als bei uns. Ist die Pressefreiheit dort deshalb größer, in Deutschland geringer als in den USA?

Löwisch: Das kann man so nicht sagen, denn es gibt auch weniger direkte Methoden, mit denen die Pressefreiheit eingeschränkt wird. Ein Beispiel ist die Trumpsche Politik des Umgangs mit der Presse. Wenn Mächtige, aus Politik oder Wirtschaft, ständig die Legitimität und die Glaubwürdigkeit von Journalisten anzweifeln, dann entsteht bei den Journalisten schnell eine Schere im Kopf. Dann besteht die Gefahr, dass sie bestimmte Themen gar nicht mehr anfassen, aus Angst, dass sie auf sämtlichen Kanälen ständig beschimpft und bedroht werden.

Was lässt sich dagegen tun?

Löwisch: Wir Journalisten müssen mehr von uns aus auf Leute zugehen und erklären, wie wir arbeiten, am besten im persönlichen Gespräch. Wie gehen wir mit zweifelhaften Inhalten um, und wie mit eigenen Fehlern? Was ist der Unterschied zwischen wahrhaftiger Berichterstattung und Fake News? Die DJS schickt dieses Jahr zum Tag der Pressefreiheit ihre Absolventinnen und Absolventen in ihre ehemaligen Gymnasien und Realschulen, um genau solche Gespräche zu suchen, und zwar mit der nächsten Generation. Wir wollen für den Journalismus streiten, indem wir über ihn streiten. „Die Pressefreiheit und die DJS“ weiterlesen